| Ratgeber

Manche hat die Meldung kalt erwischt: Die Förderung für einen Neubau von Wohnimmobilien mit Effizienzhaus 55-Standard fällt. Bereits ab 1. Februar 2022 ist der Topf der KfW-Bank für Wohnimmobilien aus dieser Effizienzhausklasse verschlossen. Das bedeutet für Projektentwickler, Bauträger, Bauherren und Käufer, dass sie Anträge für Förderkredite samt Tilgungs- oder Investitionszuschuss für ein Effizienzhaus 55 so schnell wie möglich stellen sollten. Maßgeblich für die Zuteilung der Fördersumme ist das Datum der Antragstellung. Welchen Hintergrund diese Streichung der Fördermittel hat und wo das Geld stattdessen hinfließt, beleuchtet für Sie neubau kompass-Redakteurin Kerstin Funke.

Alles fürs Klima

Der Grund für die versiegende Geldquelle für neu gebaute Effizienzhäuser 55 liegt im verschärften Klimaschutzgesetz. Deutschland hat das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu sein. Nicht nur, aber auch im Bereich der Wohngebäude werden die Stellschrauben daher deutlich angezogen. Das Credo ist: Wir müssen energieeffizienter bauen und wohnen, um die Treibhausgasemissionen zu minimieren. Bereits im Jahr 2030 sollen Immobilien in der Bundesrepublik nur noch 67 Millionen Tonnen Treibhausgase ausstoßen. Ob das zu schaffen ist? Die Zahlen von 2018, die Statista veröffentlichte, machen nicht gerade Mut. Denn in dem Jahr wurde der Ausstoß an Treibhausgasen, die allein von Wohnimmobilien in Deutschland produziert wurden, auf knapp 120 Millionen Tonnen beziffert. Das Umweltbundesamt hat darüber hinaus errechnet, dass rund 30 % aller CO²-Emissionen von Gebäuden erzeugt wird. Zwei Drittel der dort benötigten Energie werden von den etwa 19 Millionen Wohnhäusern verbraucht – und wird in erster Linie verheizt.

Hohe Anforderungen an die Energieeffizienz von Wohnimmobilien sind nicht günstig.
Bild von Nattanan Kanchanaprat auf Pixabay

Auch der Blick auf den Pro-Kopf-Ausstoß der Menschen in Deutschland macht keine gute Laune. Denn da wird augenfällig, dass auf allen Gebieten unseres Lebens ein Richtungswechsel nötig ist. Laut internationaler Analysen, die Statista im Rahmen eines Artikels über Treibhausgas- und CO²-Emissionen ausgewertet hat, entsprach der weltweite Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasemissionen im Jahr 2017 knapp 6,23 Tonnen CO²-Äquivalente. Deutsche Bürger liegen mit rund 11 Tonnen CO²-Äquivalent pro Kopf deutlich darüber. Insgesamt erreichten wir 2020 bei der Höhe des Treibhausgas-Ausstoßes in Deutschland 739 Millionen Tonnen CO²-Äquivalent. Wenn wir das Thema jetzt nicht angehen, werden wir das Ziel, die Erwärmung der Erde unter zwei Grad zu halten, nicht erreichen.

Bestandsgebäude mehr im Fokus

Es ist nachvollziehbar, dass die Bundesregierung den Hebel dort ansetzt, wo sie den größtmöglichen sichtbaren Beitrag zur Emissionsminderung erzielen kann: beim Bau und der Bewirtschaftung von Immobilien. Im ersten Schritt startete im Sommer 2021 die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG). Kaum hatten wir uns an neue Energieeffizienzklassen mit den Kürzeln EE oder NH gewöhnt, wurden die Vorgaben im Herbst mit dem Rotstift noch einmal angepasst. Ab Ende Januar 2021 werden die Effizienzhausklassen 55 NH und EE komplett eingestellt. Auch die Klasse der Effizienzgebäude 55 NH wird für den Neubau gar nicht erst eingeführt. Gefördert wird nun in besonderem Maße die Sanierung von Bestandsimmobilien.

Noch im September 2021 stockte die Bundesregierung für das Jahr 2021 die Mittel für die Fördertöpfe um 11,5 Milliarden auf. Förderungen in Höhe von 18 Milliarden Euro können 2021 somit abgerufen werden. Der größte Teil floss bzw. fließt in die unterschiedlichen Förderungen von Effizienzhäusern 55. Die Bundesregierung denkt das Thema aber neu. Ganz nach dem Motto, dass man das grundlegende Förderziel erreicht hat. Der Effizienzhaus 55-Standard hat sich etabliert und gilt bei Bauherrn, Bauträgern und Käufern als erste Wahl. Somit bedarf es nach Ansicht der Entscheider über die Fördertöpfe wohl keines zusätzlichen Anreizes in Form einer Finanzspritze.

Noch können Käufer von Effizienzhaus 55-Wohnimmobilien sich einen Zuschuss von bis zu 18.000 Euro impfen. Bild von moerschy auf Pixabay

In unseren Augen ist das sehr kurzsichtig gedacht. Denn nicht zuletzt angesichts der hohen Grundstückspreise sind die Kaufpreise von Immobilien vor allem im Umkreis der großen Städte in ungeahnten Höhen angekommen. Mit dem Effizienzhaus 55-Zuschuss von bis zu 18.000 Euro war schon mal die Küche oder das Anlegen des Gartens drin. Bauträger, Bauherren und Kaufinteressenten müssen nun umdenken.

Sparen oder zur Erfüllung des Klimaziels beitragen?

Wo geht die Reise hin? Werden sie auf die weiterhin geförderte Effizienzhaus 40-Klasse setzen und höhere energetische Anforderungen umsetzen? Das wird die Kaufpreise noch mehr antreiben. Oder wird der Trend zum minimal möglichen Wärmeschutz gehen, der von Seiten des Gesetzgebers erlaubt ist? Das wäre ein Rückfall auf eine Energiesparkonzept, das die Effizienzklasse 70 mitbringt.

Viele Kaufinteressenten werden 2022 hin- und her rechnen. Der Primärenergiebedarf beim neu gebauten Effizienzhaus 40 darf maximal 40 % und der Transmissionswärmeverlust höchstens 55 % betragen. Bei 120.000 Euro Kreditbetrag gibt es mit 20 % (Tilgungs)Zuschuss einen Investitionszuschuss von 24.000 Euro. Das sind 6.000 Euro mehr als beim Effizienzhaus 55. Da liegen die Kosten für die energetischen Maßnahmen, die erfüllt werden müssen, aber deutlich drüber. So mancher Interessent wird dann doch auf Neubau-Immobilien mit weniger hoher Energieeffizienz schielen, um Geld zu sparen oder auf Bestandsimmobilien ausweichen und diese gegebenenfalls mit der Förderung des Staats sanieren. Ein Aufwand, der auch nicht zu unterschätzen ist…

Das Neubauprojekt „Apfelgärten“ in Wiesbaden/Bierstadt gehört zu den Ensembles mit Effizienzhaus 40+ bei neubau kompass. Es punktet nicht nur beim Punkt Energieeffizienz, sondern auch mit einem innovativen Smart Building-Konzept mit ZuhausePlattform. Die Bilder stammen von Krieger + Schramm.

Hoffen wir, dass es beim Neubau hinsichtlich der Energieeffizienz nicht zu einem Rückschritt kommt, denn dann werden wir die Klimaziele, die die Zukunft unserer Kinder und Enkel absichern helfen sollen, nicht erreichen. Wir bei neubau kompass sind der Meinung: Eine hochwertige energetische Sanierung der Bestandsgebäude ist ausgesprochen wichtig, sollte aber nicht zu Lasten des Neubausegments gehen.

Das Titelbild stammt von Gundula Vogel, einer Userin auf Pixabay

Lesen Sie auch, vor welchen Herausforderungen die Bauwirtschaft außerdem steht.