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Urban Mining ist ein junger Begriff für eine neue, umweltfreundliche Bauweise, bei der Baustoffe langfristig gemanaged werden. Urban Miner betrachten Städte und Häuser aus einer völlig neuen Perspektive – als wertvolle Rohstoffminen! Sie sprechen davon, dass tonnenweise Rohstoffe in unseren Städten verbaut sind. Rohstoffe, die wertvoll sind, um neue Gebäude zu errichten. Lesen Sie mehr zu Urban Mining und seinen faszinierenden Möglichkeiten.

Nachhaltig einkaufen, nachhaltig essen, nachhaltig Urlaub machen, nachhaltig Autofahren und nachhaltig bauen… Der kleine Unverpacktladen um die Ecke, der vegane Imbiss gegenüber, die Mitgliedschaft bei Carsharing und der Verzicht auf Flugreisen zeigen, wie einfach es sein kann, seinen Alltag – zumindest in einigen Dingen – nachhaltiger zu gestalten. Aber wie ist es nun mit dem Bauen? Der Bausektor verbraucht bekanntermaßen riesige Rohstoff- und Energieressourcen.

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Abgesehen von historischen wertvollen Gebäuden, die oft mit viel Aufwand saniert werden, liegt die durchschnittliche Lebensdauer von Gebäuden zwischen 50 und 70 Jahren. Bei Industrie- oder Logistikbauten wird sogar von einem Zyklus von 30 bis 40 Jahren ausgegangen, danach wird oft abgerissen und neu gebaut.

Gesundes, nachhaltiges und ressourcenschonendes Bauen ist längst nicht nur für Experten ein Thema. Was können Bauherren, Planer und Architekten tun um diesen Wegwerf-Kreislauf zu durchbrechen? Ein Begriff, der in dem Zusammenhang immer häufiger zu hören ist, ist Urban Mining.

Städte als Rohstoffminen

Die Strategie des Urban Mining nutzt die Tatsache, dass in einer Stadt, einem großen Werk oder einem Gebäude zahlreiche, wertvolle Ressourcen „lagern“. Der Präsident des Umweltbundesamts, Prof. Dr. D.  Messner spricht von dem anthropogenen Lager als „Schatzkammer“, die jährlich größer wird.

Diese (Sekundär-)Rohstoffe in Höhe von über 50 Milliarden Tonnen gilt es nun auf lange Sicht zu managen. Nach Informationen des deutschen Umweltbundesamtes setzt die deutsche Volkswirtschaft pro Jahr rund 1,3 Milliarden Tonnen an Materialien im Inland ein. „Davon verbleiben besonders Metalle und Baumineralien oftmals lange Zeit in Infrastrukturen, Gebäuden und Gütern des täglichen Gebrauchs. Über Jahrzehnte hinweg haben sich auf diese Weise enorme Materialbestände angesammelt, die großes Potenzial als zukünftige Quelle für Sekundärrohstoffe bergen,“ heißt es.

Baustoffe managen b e v o r sie auf der Deponie landen

Bei Urban Mining geht es nicht primär um eine neue Recycling-Methode, sondern darum, langfristig Wege zur Verwertung dieser „enormen Materialbestände“ zu organisieren. Laut Felix Müller, Experte für Urban Mining und Kreislaufwirtschaft beim Umweltbundesamt, ist Urban Mining eine „strategische Säule ökologischer Industriepolitik für eine ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft.“ Gefördert werden sollen Konzepte und Strategien für die Umwelt- und Rohstoffwirtschaft, die den Aspekt der „Gewinnung und Aufbereitung von Sekundärrohstoffen“ im Fokus haben und den verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde berücksichtigen.

Im Unterschied zu herkömmlichen Recyclingmethoden, die in der Regel bereits bestehenden Abfall sortieren und diesen teilweise wieder verwertbar machen, kalkulieren Urban Miner den Gesamtbestand langlebiger Güter.

Auf diese Weise erlaubt das Konzept des Urban Minings schon früh eine zuverlässige Prognose über zukünftig verfügbare Materialien und das bevor diese zu Abfall werden!

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Eine (Zwischen-)station auf unseren ohnehin schon vollen Mülldeponien kann durch diese Strategie vermieden werden. Und ja – auch Transportwege lassen sich durch Urban Mining oft verkürzen: Im Idealfall können nämlich Rohstoffe nicht nur an Ort und Stelle recycelt werden, sondern auch am gleichen Ort wieder verbaut werden! Ein gutes Beispiel dafür ist das Wohnprojekt Waldmühle Rodaun am Stadtrand von Wien.

2015 stand dort ein ehemaliges Zementwerk zum Abriss bereit. Die rund 200.000 Tonnen Beton wurden nicht nur dort recycelt, sondern auch direkt an Ort und Stelle für den Bau von 450 Wohnungen wiederverwendet. Gelingen konnte dieser Plan natürlich nur durch kluges Sekundärstoff-Management: Also mit dem Wissen um den bevorstehenden Abbruch der Zementfabrik, der strengen Analyse, ob sich der Beton überhaupt für den Hochbau eignet, der Zeiträume und der Kenntnis des neuen Bauvorhabens.

Der Clou bei diesem Projekt: Da der Beton direkt vor Ort verarbeitet wurde, konnten zwei Drittel der gesamten Fahrkosten eingespart werden. Ein enormer Effekt, wenn man bedenkt, dass für den Bau einer einzigen neuen Wohnung, ein Lkw durchschnittlich 3000 Kilometer unterwegs ist.

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Das Neue und Revolutionäre an dem Konzept des Urban Minings ist nicht, dass statt neue Materialien für den Hausbau zu verwenden, auf bestehende Materialien wie Ziegel, Beton, Holz, Glas und Metalle zurückgegriffen wird – das tun Upcycler auch. Das Neue ist das strategische und langfristige Kalkulieren eines sorgfältigen und fachmännischen Rückbaus bestehender Gebäude sowie das Einbeziehen eines späteren Rückbaus bereits beim Bauen.

Statt kleben: schrauben und stecken!

Bedeutet das also im Klartext, bereits beim Bauen neuer Häuser ans Abreißen zu denken? Diese krass formulierte Sichtweise bringt es tatsächlich auf den Punkt. Statt Bauteile zum Beispiel zu verkleben oder zu schweißen, schrauben und stecken Urban Miner. Auf diese Weise lassen sich diese Elemente später wesentlich einfacher sortieren und wiederwerten. Die Basis für hochwertiges Recycling ist nämlich zu einem hohen Maße von der Sortenreinheit der anfallenden Materialien abhängig. Fremd- und Schadstoffe (wie z.B. Klebstoffe) mindern die Qualität.

Die sogenannte Systemtrennung ist also ein entscheidendes Element der nachhaltigen Bauweise. Damit Bauteile unterschiedlicher Lebensdauer einfacher zu erreichen und zu ersetzen sind, sollten sie z.B. gebündelt werden. Leitungen werden aus dem Grund heute oftmals nicht mehr einbetoniert, sondern in offenen Schächten geführt.

Neben der Art und Weise Baustoffe zu verarbeiten, spielen nachwachsende Rohstoffe, sogenannte „Closed-Loop-Materialien“ eine wichtige Rolle für das nachhaltige Bauen. Nachwachsende Rohstoffe wie (nachhaltig produziertes) Holz oder Metalle, die nach dem Recycling dasselbe Qualitätslevel erreichen. Das bedeutet zum Beispiel, Stein- und hochwertige Holzböden statt Laminatböden zu verwenden. In Bädern könnten zum Beispiel statt herkömmlicher Fliesen große recycelte Kunststoffplatten verbaut werden, die problemlos wieder ausgebaut und neu eingebaut werden können. Abgeschlagene Fliesen? Gäbe es dann nicht mehr!

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Zukünftige Gebäude werden auf diese Weise als „Rohstoffzwischenlager“ geplant. Damit diese Strategien der Ressourcenschonung und Wiederverwertung im Baubereich auch wirklich im Alltag ankommen, bedarf es mit Sicherheit noch viel Kommunikation und Motivation, z.B. durch Initiativen, Förderungen, finanzielle Anreize und Ausschreibungen, die den Einsatz gütegesicherter Recyclingbaustoffe und so die Kreislaufwirtschaft am Bau fördern.

Im Interview mit Felix Müller, dem Experten für Urban Mining beim Umweltbundesamt fragen wir nach Tipps für Bauherren sowie nach beispielhaften Neubauprojekten in Deutschland.

Gibt es in Deutschland Beispiele für Urban Mining gerechte Bauprojekte?

Felix Müller: Es gibt mittlerweile eine Vielzahl realisierter Beispielprojekte, z.B. mit Einsatz von Recyclinggesteinskörnungen im Beton. Noch vor 5-10 Jahren waren diese in Deutschland handverlesen und in der Regel mit Förderungen verbunden. Klarer Vorreiter war hier das Kanton Zürich. Dessen hohe R-Betonbauquote wurde hierzulande stets mit Verwunderung beäugt. Gute Beispiele für Deutschland – aus der jüngeren Vergangenheit –  sind z.B. der Erweiterungsbau des UBA, das Rathaus in Korbach, der Neubau der HU-Berlin, das Technische Rathaus in Tübingen oder die Mercedes Factory in Sindelfingen. Wegweisend sind auch die Entwicklungen in Karlsruhe oder dem Land Berlin. Hier stellt R-Beton – zumindest für öffentliche Ausschreibungen/Beschaffungen – den neuen Standard dar.

Was können Bauträger und Bauherren tun, die nachhaltig bauen möchten?


Felix Müller: Sie können sich zu ressourcenschonenden und recyclinggerechten Baustoffen informieren und beraten lassen. Eine Themen- und Förderprogrammübersicht bietet beispielsweise das VDI ZRE.
Gemeinsam mit den Architekten und Bauplanern können sie entsprechende Anforderungen stellen und ausschreiben. Was die konkrete Materialbeschaffung betrifft, können beispielsweise für R-Beton  (ressourcenschonender Beton / Anm. d. Red.) Betonwerke vor Ort angefragt werden. Baustoffproduzenten kennen in der Regel die Verfügbarkeit und Herkunft bestimmter „Sekundärmaterial-Liefertypen“.

Das Thema „Ressourcenschonendes Bauen“ betrifft mittel- bis langfristig uns alle. Lesen Sie mehr dazu, zum Beispiel im Beitrag „Umweltfreundliche Kunststoffe als Baumaterial der Zukunft“.

Text Tanja Zimmermann

Titelbild: pixabay/capri23 auto