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H2-Revier in Gütersloh/ Tassikas Immobilien

Neubau-Quartiere, deren Energieversorgung  auf Wasserstoff-Basis funktioniert, zählen zu den Pionieren auf dem Weg zu einem klimaneutralen Bauen. Was genau unter einem „Power-to-Gas-Haus“ zu verstehen ist und wie genau das Prinzip, Wasserstoff zur Energiegewinnung einzusetzen funktioniert, lesen Sie in diesem Beitrag.

2030, so will es der Gesetzgeber, sollen 65% weniger CO2 ausgestoßen werden als 1990 und bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein. Der Gebäudesektor, der in Deutschland immerhin für 35 Prozent des Endenergieverbrauchs und 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist, wird dabei zunächst jedoch kaum in die Verantwortung genommen. Außer für die Sektoren Energie und Industrie „wird die notwendige Treibhausgasminderung hin zur Netto-Treibhausgasneutralität verstärkt und in großen Schritten ab 2030 zu erbringen sein“, heißt es dazu in einer Erläuterung zur Gesetzesnovelle.

Möglichkeiten die Emissionen im Gebäudesektor massiv zu senken, sind zwar schon jetzt vorhanden, doch wo der politische Wille fehlt, können sich innovative Konzepte nur schwer durchsetzen. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Einsatz von Wasserstoff, wie auch Dimitrios Tassikas, Geschäftsführer und Gründer der Tassikas Immobilien GmbH & Co. KG, feststellen musste. Nicht nur der bürokratische Aufwand, sondern auch Sicherheitsbedenken seitens der Behörden machten dem Projektentwickler das Leben schwer.

H2-Revier in Gütersloh: 120 Wohneinheiten plus Geschäftshaus und Kita

Trotz des erhöhten Aufwands und zusätzlicher Kosten, die er auf 16 Mio. beziffert, errichtet er nun mit dem „H2-Revier“ in Gütersloh ein 3,2 Hektar großes Wohn- und Geschäftsquartier, in dem die Energieversorgung ausschließlich durch grünen Wasserstoff gewährleistet wird.

Visualisierung H2-Quartier Gütersloh. Bild: Tassikas Immobilien

Mithilfe von erneuerbaren Energien wie Windkraft, Photovoltaik und nahegelegenen Biogas-Anlagen wird grüner Strom erzeugt. Ungenutzter Strom wird durch einen Elektrolyseur zu Wasserstoff umgewandelt und kann bei Bedarf mittels Brennstoffzelle rückverstromt werden. Die bei diesem Prozess entstehende Wärme, wird zusätzlich abgeleitet und ergänzend zur Gebäudeheizung genutzt. Der in Tanks gespeicherte Wasserstoff hilft dabei nicht nur das gesamte Quartier mit Energie zu versorgen, sondern beliefert auch eine angegliederte Wasserstofftankstelle. „Das nenne ich ein ganzheitliches Energie-Konzept, das nicht einmal Transportwege benötigt,“ betont Tassikas. Die Bauzeit des Quartiers, welches 120 Wohneinheiten, ein Geschäftshaus und eine Kita enthalten wird, soll fünf bis sieben Jahre betragen. Wohnungen will Tassikas dann für 4.000 Euro/ m² anbieten.

Alternative: das Power-to-Gas-Haus

Schneller errichten lässt sich hingegen das sogenannte Power-to-Gas-Haus. Dabei handelt es sich um das erste komplett energieautarke Gebäude, welches käuflich zu erwerben ist. Der im Sommer erzeugte Stromüberschuss von der Photovoltaikanlage wird dort ebenfalls in Wasserstoff umgewandelt und im Winter wieder abgerufen. Das Konzept ist so ausgefeilt, dass es komplett ohne externe Energiequellen auskommt und somit auch keinen Strom- oder Gasanschluss benötigt. Die Wasserstofftechnologie stellt die Home Power Solutions zur Verfügung.  Dessen Produkt „picea“ allein reicht allerdings nur aus, um das Haus nutzerstromautark zu machen und somit je nach Verhalten 30 bis 50 Prozent des gesamten Energiebedarfs zu decken. „Wir hatten eine lange und intensive Entwicklungszeit mit etlichen Fachplanern, bis wir es geschafft haben, das Haus komplett autark zu machen“, erläutert Lucas Neddermann, Geschäftsführer der Wohnwerke GmbH. „Neben dem Nutzerstrom deckt unser Konzept auch die Energie ab, die benötigt wird, um Warmwasser zu erzeugen und das Gebäude zu beheizen.“ 

Unverzichtbar beim Power-to-Gas-Haus: Solaranlagen. Bild: Vivint Soar/unsplash

Ähnlich wie beim H2-Revier in Gütersloh macht man sich auch hier die Abwärme zu nutze. Im Sommer wird der Elektrolyseur mit Wasser gekühlt, wodurch Warmwasser erzeugt wird. Im Winter wird die an der Brennstoffzelle entstehende Wärme bei der Rückverstromung durch eine Lüftungsanlage ins Haus geblasen. Zusätzlich kommt dann noch eine speziell an das Haus angepasste Sole-Wasser-Wärmepumpe der Firma Olymp zum Einsatz.

Im Gegensatz zu dem Quartiersprojekt in Gütersloh musste sich Neddermann jedoch nicht noch zusätzlich mit Sicherheitsbedenken seitens der Behörden auseinandersetzen. Wasserstoffspeicher können genauso wie Gas- oder Öltanks bis zu einem gewissen Volumen genehmigungsfrei in Wohngebieten eingebaut werden. „Das Ganze ist TÜV-geprüft und selbst in einem Brandfall würde der Wasserstoff kontrolliert abgeführt werden“, geht der studierte Architekt dennoch auf mögliche Sicherheitsbedenken ein. Wasserstoff allein explodiert nicht, sondern erst durch eine Vermischung mit Sauerstoff entsteht das aus dem Schulunterricht bekannte Knallgas. Selbst die Hindenburg, die mit Wasserstoff gefüllt war und bei der durch Blitzschlag die metallisierte Farbe der Außenhülle schnell in Brand geriet, explodierte nicht. „Man muss also nicht befürchten, dass man da eine Bombe neben dem Haus hat.“

450.000 Euro für ein Power-to-Gas-Haus

Interessenten, die bereits ein passendes Grundstück besitzen, können den Bau eines Power-to-Gas-Hauses ab ca. 450.000 Euro in Auftrag geben. Je nach Variante und Witterung beträgt die Bauzeit dabei etwa acht bis neun Monate ohne und um die zwölf Monate mit Keller. Aktuell besteht das Angebot allerdings nur für die Region um Stuttgart, auch wenn bereits nach Vertriebspartnern und Firmen gesucht wird, um dieses Angebot auch außerhalb des Planungsgebietes der Wohnwerke GmbH zu realisieren. 

Die ersten neun Häuser dieser Art werden im baden-württembergischen Asperglen-Rudersberg entstehen, wo nur noch die Baugenehmigung fehlt. „Wir bauen da nicht nur ein Haus, sondern eine komplette energieautarke Wasserstoffsiedlung mit verschiedenen Haustypen. Da gibt es Doppelhäuser, Reihenhäuser, und Einfamilienhäuser in einer homogenen Durchmischung und die werden dann käuflich inklusive Grundstück zu erwerben sein.“

Tassikas und Nedddermann, beide arbeiten schon jetzt an Lösungen für eine bessere Zukunft für uns und unserer Kinder – und warum sollte man damit bis 2030 warten?

Text: Andreas Fuhrich

Sie interessieren sich für innovative Themen rund um das Bauen von morgen? Lesen Sie unseren Beitrag zu umweltfreundlichen Kunststoffen als Baumaterial der Zukunft.

Titelbild: Tassikas Immobilien